Zum Gedenken


Helmuth Zenz (1939 - 2009)

Von 1975 bis 2004 leitete Prof. Dr. Helmuth Zenz die Abteilung für Medizinische Psychologie an der Universität Ulm.

Schon während seines Studiums der Psychologie fühlte sich Helmuth Zenz besonders durch die psychologische Methodenlehre und die Sozialpsychologie angesprochen. Als Vorbild galt ihm der Sozialpsychologe Peter R. Hofstädter. Die Sozialpsychologie prägte sein Interesse für zwischenmenschliche Kommunikation, die Methodenlehre machte ihn zu einem experimentellen Forscher. Seine anfänglichen Forschungsinteressen richteten sich auf die Beeinflussung von Lernprozessen durch Sinnstrukturen des Lernmaterials – das Thema seiner Dissertation in Heidelberg. In den Jahren als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Gießen an der Psychosomatischen Klinik bei Horst-Eberhard Richter befasste er sich mit didaktischen Fragen – es entstand das Büchlein "Prüfung ohne Angst" -, mit Psychotherapieforschung und der Patientenperspektive in der Behandlungssituation.
In der Kooperation mit Elmar Brähler entwickelte er die in den siebziger Jahren sehr ungewöhnliche Methode der computergestützten Analyse von Sprechpausenverhalten in Psychotherapiesitzungen, und er modellierte die Ergebnisse mit statistischen Markov-Ketten, ein Verfahren, das auch heutzutage im Umfeld der künstlichen Intelligenz und Sprachverarbeitung höchst aktuell sind. Aufgrund dieser Studien als Psychotherapieforscher erhielt Helmuth Zenz 1975 den Ruf an die Universität Ulm. Hier legte er uns, seine ersten Mitarbeiter in Ulm, nahe, an diesem Sprachmaterial sozialpsychologische Hypothesen zu testen und Methoden der Künstlichen Intelligenz zu erproben.

Im Jahre 1976 richtete er mit seinem Team den ersten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGPM) aus. Dort wurden die wissenschaftlichen Arbeiten der neu gegründeten Abteilung und ihr ungewöhnliches Unterrichtskonzept des Kurses der Medizinischen Psychologie und Soziologie als Experimentalpraktikum vorgestellt und diskutiert. Als Lehrfach war die Medizinische Psychologie gerade erst eingerichtet worden. Helmuth Zenz verfolgte die Idee, die akademische Psychologie in die Medizin hineinzutragen, wo doch bis dahin in der Medizin Psychologie fast ausschließlich Tiefenpsychologie bedeutete. Aber die akademische Psychologie hatte sich noch wenig mit medizinischen Sachverhalten beschäftigt, die heutige Verhaltensmedizin war noch nicht geboren. Wie kann man etwas lehren, so diskutierten wir damals, zu dem es zwar Lernziele, aber nicht genügend empirisch fundierten Erkenntnisse gibt? Als Konsequenz wurde die Lehre in Gestalt empirischer Studien zu medizinischen Themen durchgeführt, meistens in Form von Experimenten, wodurch sich die Studenten en passant auch die methodischen Grundlagen der Psychologie aneignen konnten.

Die Ulmer Jahre zwischen 1980 und 1990 waren von der engagierten Mitwirkung am dritten Sonderforschungsbereich für Psychosoziale Medizin in der BRD (SFB 129) geprägt, der von Helmuth Zenz und dem ehemaligen Rektor der Ulmer Universität, Helmut Baitsch, initiiert worden war. Durch die Projekte im SFB 129 und Projekte über Schulstress konzentrierten sich das Ulmer Team fast zwei Jahrzehnte auf psychobiologische Stressforschung zu Kopfschmerz und Somatisierungsstörungen.

Parallel zu diesen Forschungsaktivitäten befasste sich Helmuth Zenz gemeinsam mit Claus Bischoff und später mit Vladimir Hrabal leidenschaftlich mit der Konzeptualisierung und empirischen Studien zu Krankheitskonzepten von Patienten und deren Bedeutung für die Arzt-Patient-Beziehung – ein Thema, das ihn bis zum Schluss seiner akademischen Laufbahn beschäftigte.

Wer oder was war Helmuth Zenz?

Kurz nach der Wende, 1990, fand in Ulm unter seiner Leitung der 8. Kongress der DGMP erstmals mit den Kolleginnen und Kollegen aus der ehemaligen DDR statt. Wer, oder besser was, ist Helmuth Zenz, wurde auf dem legendären Kongressfest von Peter Novak ironisch gefragt. Er war eine schillernde Figur in der Ulmer Medizinischen Fakultät, geachtet wegen seiner DFG-Projekte und gefürchtet, weil er oft laut und emotional ansprach, was ihm nicht passte. In seiner Abteilung war er barock in seinen Ansprüchen, aber loyal, wenn es darauf ankam; er besaß rhetorisches Talent, das er im Übrigen schon in den Go-ins und Sit-ins seiner Studentenzeit als AStA-Vorsitzender unerschrocken vor großem Publikum bewiesen hatte. Er kannte auch Selbstironie: Professor, sagte er, wird man, um großzügig darauf verzichten zu können, als solcher angeredet zu werden. "Professor", sagte er auch oft, kommt von lateinischen "profiteri" – offen bekennen -, und er nahm das wörtlich. Er machte sich über alles Gedanken, aus Leidenschaft auch unbequeme und provokante. Sie auch zu äußern war sein Lebenselixier. Sein ehrenamtliches Engagement galt der AIDS-Hilfe. Er half, diese Institution in Ulm aufzubauen, setzte sich für deren Belange immer wieder ein und war vielen Betroffenen eine Hilfe.

Im Umgang war er aber nicht selten autoritär und gleichzeitig empfindlich. Nur wenige konnten deshalb in ihm sehen, was er auch war, nämlich höchst kreativ, musisch begabt, ein Sprachstilist und humanistisch gebildet. Wer seine Theaterkritiken las, spürte, dass er im modernen universitären Alltag einer Medizinischen Fakultät seine Talente trotz aller wissenschaftlichen Erfolge der Ulmer Medizinpsychologie nicht leben konnte. Wissenschaftliche Strenge war für ihn gleichermaßen ein hoher Wert und ein schwer erträgliches Korsett, über das er sich oft mit überschäumendem Elan hinwegsetzte.

1996 begann Helmuth Zenz seine Arbeit bei Radio free FM, einem lokalen Ulmer non-profit Radiosender, wo er Sendungen wie "Uniradio" über den Universitätsalltag produzierte und "Geschichten aus dem Psychowald" erzählte, in denen er seinen Hörern Grundbegriffe der Psychologie unterhaltsam und kompakt vermittelte, dann das "Kulturradio", und schließlich unterhielt er die Ulmer bis zu seinem Tod in der Talkrunde "Lokaltermin" mit Ereignissen aus der Ulmer Szene aus Kultur und Politik.

Wir verlieren mit Helmuth Zenz einen akademischen Lehrer, einen unkonventionellen Forschergeist und kreativen Individualisten, der die Medizinische Psychologie und uns, seine engsten Mitarbeiter, über viele Jahre geprägt hat.

Prof. Dr. Harald C. Traue
Prof. Dr. Claus Bischoff