Zum Gedenken


Othmar W. Schonecke (1941-2000)

Othmar W. Schonecke - ein stiller Forscher und hervorragender Lehrer

Im Alter von nur 59 Jahren verstarb am 9. Juli dieses Jahres Prof. Dr. rer. nat. Dipl. Psych. Othmar W. Schonecke in seiner von ihm sehr geschätzten neuen Heimat in Petit Rederching in Lothringen – Zufluchtsort, Forscherklause, Treffpunkt und Traum vom ungebundenen Leben in unverbrauchten Landschaften.

Nach dem Studium der Psychologie und Philosophie in Würzburg und Tübingen promovierte er über "Wissenschaftstheoretische Probleme der Ansätze der Psychoanalyse und der Verhaltensmodifikation" bei Prof. Kaminski in Tübingen. Seither beschäftigten ihn nicht nur die theoretischen Grundlagen der Lerntheorie und der Psychoanalyse, sondern vor allem die Verbindungen beider Theorien und ihre Grundlagen für die Psychosomatische Medizin. Thure von Uexküll, in dessen Abteilung für Innere Medizin und Psychosomatik der neu gegründeten Universität Ulm O.W.Schonecke von 1969 – 1977 als wissenschaftlicher Assistent tätig war, förderte diese wissenschaftstheoretische Diskussion nicht nur, sondern ermöglichte ihm auch eine breite klinische Ausbildung in allen Aspekten von Diagnostik und Therapie psychosomatischer Erkrankungen. Mit Beginn des klinischen Medizinstudiums an der Universität Ulm engagierte er sich in der Ausbildung der Medizinstudenten in Vorlesungen, Seminaren, Betreuung von Dissertationen oder – zusammen mit Wolfram Schüffel – dem Aufbau der "Anamnesegruppen", die nach vielen "Medizinergenerationen" bis heute aktiv sind und die medizinische Ausbildung beleben. Mit Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschäftigten ihn besonders Patienten mit funktionellen Beschwerden, insbesondere Diagnostik und Therapie von Patienten mit funktionellem kardiovaskulärem Syndrom.

Seine Studien zur psychophysiologischen Aktivierungs- (Stress-) Diagnostik und Körperwahrnehmung bei Patienten mit funktionellen kardiovaskulären Störungen setzte er 1977 an der Universität Köln fort. Von 1985 bis 1993 war er dort Vertreter von Karl Köhle, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie. 1986 habilitierte er sich an der Universität Köln mit seiner experimentellen Arbeit zur "Psychophysiologie des funktionellen kardiovaskulären Syndroms", für die er 1986 mit dem Hans-Roemer-Preis des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin, das er 1974 mit gegründet hat, ausgezeichnet wurde. Er war nicht nur fast 30 Jahre als Dozent und Supervisor in der klinischen Psychologie und Verhaltenstherapie sehr engagiert, sondern auch fast 20 Jahre in der Weiterbildungskommission des DKPM, seit 1986 Dozent am westdeutschen Psychotherapieseminar in Aachen und seit 1989 Mitglied der Forschungskommission der Gesellschaft für Medizinische Psychologie.

Seine zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen fanden hohe Anerkennung. Er war mit Thure von Uexküll einer der Herausgeber des Lehrbuchs für "Psychosomatische Medizin", das 1979 den Michael-Balint-Preis der Schweizerischen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin erhielt.

Nach seiner Berufung an das Institut für Medizinische und Klinische Psychologie der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes 1993 beschäftigten ihn weiterhin psychophysiologische Methodik und Diagnostik. Dort baute er die Fachrichtung für Medizinische und Klinische Psychologie zu einer national und international hoch angesehenen Einrichtung aus. Seine Aufgaben in Lehre und Forschung vertrat er nicht nur mit vorbildhaftem Engagement, sondern auch mit einer ausgeprägten humanen Einstellung. Er war bei seinen Studenten, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und seinen akademischen Freunden und Kollegen hoch geschätzt und äußerst beliebt.

Sein aktuelles Forschungsprojekte über den "Einfluss der Interozeption und Hemisphärendominanz auf die Verarbeitung emotionaler Reize bei autonomen Funktionsstörungen" wurde Anfang des Jahres für die Dauer von sechs Jahren von der DFG bewilligt. Bis wenige Tage vor seinem Tod beschäftigten ihn wissenschaftstheoretische Probleme:
"Die Erkenntnisse der Lerntheorie zeigen zum einen, wie Organismen durch Lernen, sich wechselnde Bedingungen ihrer Umgebung anpassen können. Zum anderen haben die Ergebnisse der Lerntheorie aber auch Implikationen dafür, wie man über das Verhältnis Organismus und seiner Welt oder Umwelt nachdenken kann. Das bedeutet, dass wenn das Verständnis des Lernens eine Bedeutung für das Verständnis des Verhältnisses zwischen Organismen und der Welt hat, dann hat es auch eine Bedeutung für das theoretische Nachdenken, d.h. die Erkenntnis dieses Verhältnisses. Das lerntheoretische Verständnis hat damit auch eine erkenntnistheoretische Dimension".

Wir trauern um unseren Freund, Kollegen und akademischen Lehrer und wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Prof. Dr. med. J. M. Herrmann, Reha-Klinik Glotterbad, Glottertal
Dipl.-Psych. C. Archonti, Abteilung für Medizinische und Klinische Psychologie, Universität des Saarlandes
Prof. Dr. Dr. Uwe Koch, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie

Mitteilungen der DGMP 77, Oktober 2000