Zum Gedenken


Michael Lukas Moeller (1937 - 2002)

Michael Lukas Moeller gehörte seit 1966 zu den ersten Mitarbeitern der damals von Herrn Prof. Dr. Horst Eberhard Richter an der Justus Liebig-Universität Gießen neu gegründeten Psychosomatischen Klinik, wurde Psychoanalytiker am dortigen Institut und einer der wichtigsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Reformbewegung der 70-iger Jahre. Dem Ansatz eines breiten psychosozialen Engagements in Verbindung mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit ist er sein Leben lang, bis noch in die letzten Wochen vor seinem Tod treu geblieben. Zunächst baute er eine der ersten psychotherapeutischen Beratungsstellen für Studierende in der damaligen BRD auf, qualifizierte sich in diesem Arbeitsfeld auch wissenschaftlich und habilitierte mit einem Thema über die Psychodynamik der Prüfungsangst.

Unkonventionell und neugierig wandte er sich danach der Erforschung der Ich-Ressourcen bei seelisch Kranken zu und den therapeutischen Möglichkeiten der Selbsthilfegruppen in Kooperation mit psychotherapeutischen Experten. Aus dieser Arbeit sind die beiden klassischen Bücher "Selbsthilfegruppen" und "Anders helfen" entstanden. Nach seinem Ruf auf die Professur für Medizinische Psychologie am Zentrum der Psychosozialen Grundlagen der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, 1983, gründete er dort die Psychosoziale Ambulanz und baute hier ein Selbsthilfenetzwerk auf, das ein breites Spektrum von medizinischen Indikationen bis zu Betroffenen-Gruppen von persönlichen über Arbeitsplatz- und politische Gesprächsgemeinschaften umfasste, im intensiven Arbeitskontakt zu fast allen übrigen Selbsthilfeorganisationen in der BRD stand und nicht zuletzt auch durch die Begeisterungsfähigkeit von Michael Moeller zu einer der wichtigen "Institutionen" der damaligen Zeit wurde. Im Rahmen der Begleitung von Selbsthilfegruppen und Gesprächsgemeinschaften entwickelte er die Methode des Zwiegesprächs als unabdingbare Voraussetzung und vermittelte seine Erfahrungen dazu in mehreren populärwissenschaftlichen Büchern wie "Die Wahrheit beginnt zu zweit", "Das Paar im Gespräch" und die "Die Einheit beginnt zu zweit. – Ein deutschdeutsches Zwiegespräch". Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen psychotherapeutisch-psychoanalytischen Tätigkeit lag in der Entwicklung der Paar- und Gruppentherapie und findet neben zahlreichen Publikationen in Fachzeitschriften unter anderem auch darin seinen Ausdruck, dass er fast 2 Jahrzehnte die Ausbildung für Gruppenanalytiker (GRAS) leitete und so als Gruppensupervisor maßgeblich zur Professionalisierung der psychoanalytischen Gruppentherapie beitrug.

Als Höhepunkt seines Lebenswerks darf man vielleicht die Verleihung des Otto Mainzer-Preises für die Wissenschaft von der Liebe im Oktober 2000 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt ansehen, wo er für seine herausragenden Beiträge zum Verständnis der Bedingungen von Liebe und Sexualität ausgezeichnet wurde. In seiner Trilogie der Liebe (Die Liebe ist das Kind der Freiheit, 1986; Worte der Liebe, 1996; Gelegenheit macht Liebe, 2000) kann man nicht nur viel über die allgemeinen Bedingungen von Glück und Liebe erfahren, sondern auch über Michael Lukas Moeller selbst, der ein sehr liebenswerter Mensch, Freund und Kollege war, stets noch etwas vom "Glanz im Auge der Mutter" hatte, wenn man ihm begegnete, immer etwas Neues, Aufregendes, Interessantes im Zwiegespräch mitzuteilen hatte, und alle Menschen, mit denen er beruflich oder privat zu tun hatte, begeistern konnte. Die Fähigkeit einen eigenen Weg unbeirrt zu gehen, lässt sich auch daran ablesen, dass er das Frankfurter Institut für Medizinische Psychologie in einer Weise gestaltete, die sicher im deutschsprachigen Raum einmalig ist.

Dass man ihn als einen "Außenseiter" des Wissenschaftsbetriebes sehen konnte, der in seinen vielen Publikationen nicht gerade dem Mainstream der Evidence Based Medicine folgte, störte ihn nicht. Er wird uns hier im Fachbereich Humanmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität mit seiner Originalität sehr fehlen.

Frankfurt, den 26. August 2002,

Prof. Dr. G. Overbeck
PD Dr. J. Jordan