Zum Gedenken


Margit von Kerekjarto (1926 - 2009)

Am 5. März 2009 ist Margit von Kerekjarto, Professor emerita für Medizinische Psychologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg nach langer schwerer Krankheit gestorben. Ihr, zusammen mit wenigen anderen, ist zu verdanken, dass die Medizinische Psychologie Einzug in das Studium der Humanmedizin in Deutschland hielt!

Sie wurde in Szeged (Ungarn) geboren, wuchs in Budapest auf, wo ihr Vater Professor der Mathematik an der Universität war. Sie begann dort ihr Studium der Psychologie und Biologie an der Fazmany-Peter-Universität, wurde aber nach 4 Jahren aus politischen Gründen von der Universität verwiesen. Noch vor dem Ungarnaufstand siedelte die Familie nach Hamburg um, wo sie am dortigen Psychologischen Institut unter Curt Bondy ihr Studium der Psychologie fortsetzte und 1957 mit dem Diplom abschloss.

Nach einer kurzen Beschäftigung in der Neurologischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhaus St. Georg Hamburg, wo sie die Grundlagen ihrer Dissertation über psychologische Aspekte der Multiplen Sklerose legte, übernahm sie von 1958-1962 am Psychologischen Institut der Universität eine wissenschaftliche Assistentenstelle und lehrte in dieser Zeit Statistik, Forschungsmethoden und Psychodiagnostik.

Im Jahr 1961 wechselte Margit von Kerekjarto an die Abteilung Psychosomatik der damaligen II. Medizinischen Universitätsklinik, die von Prof. Dr. Arthur Jores, einem Pionier der Psychosomatischen Medizin in Deutschland geleitet wurde, wo sie intensiv psychodiagnostisch und –therapeutisch mit psychosomatisch sowie körperlich Kranken wissenschaftlich und klinisch arbeitete. Ihr besonderes wissenschaftliches Interesse galt in dieser Zeit dem Asthma bronchiale. Zu diesem Thema legte sie 1967 eine Habilitationschrift vor. Bemerkenswert war dabei nicht nur ihre Arbeit, die sie gemeinsam mit Arthur Jores als Buch publizierte, sondern auch, dass sie als erste Psychologin von einer Medizinischen Fakultät zur Habilitation aufgefordert wurde.

Die späten sechziger Jahre waren stark geprägt durch das lokale und überregionale Engagement für die Entwicklung des für das Medizinstudium nach der neuen Ärztlichen Approbationsordnung vorgesehenen Faches der Medizinischen Psychologie. Von 1970 an übernahm Margit von Kerekjarto zunächst ehrenamtlich, ab 1972, inzwischen, um Rufe auf Professuren für Klinische Psychologie in Giessen und Kiel abzuwehren, zur Professorin ernannt, die Leitung der Medizinpsychologie in Hamburg und erhielt 1975 als erste Frau in der Bundesrepublik einen Ruf auf eine ordentliche Professur für Medizinische Psychologie verbunden mit der Leitung einer entsprechenden Abteilung der II. Medizinischen Klinik des Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf.

Unter ihrer Federführung wurde sehr bald in Hamburg ein Curriculum für die Ausbildung in Medizinischer Psychologie entwickelt und erprobt, das auch überregional Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung hatte. Ihr war es ein immer wieder betontes Anliegen, die Lehre in diesem Fach nicht nur an die sich rasch entwickelnde Forschung zu psychologischen Problemen körperlicher, vor allem chronischer Krankheiten anzupassen, sondern die Studierenden der Medizin mit den psychologischen Aspekten und Erfordernissen ärztlichen Handelns vertraut zu machen. Letzteres macht verständlich, warum Margit von Kerekjarto die institionelle Verankerung der Abteilung für Medizinischen Psychologie in einer Medizinischen Klinik zeitlebens wichtig war. Für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutete dies nicht nur Engagement in Lehre und Forschung, sondern auch praktische psychologische Arbeit in der klinischen Versorgung in Form eines von ihr in Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen der II. Medizinischen Klinik eingerichteten "Consultation-Liason"-Dienstes, wobei unsere Aufgaben ein breites Krankheitsfeld abdeckten, von der Anorexia nervosa bis zur supportiven Betreuung von Tumorpatienten. Dabei erfuhren wir viel klinisches, diagnostisches und therapeutisches "learning by doing", immer gut und anerkennend von Margit von Kerekjarto unterstützt.

Maßgeblich beteiligt war sie auch an der Entwicklung und 15-jährigen Arbeit des sehr erfolgreichen DFG-Sonderforschungsbereich 115 "Psychosomatische Medizin, Klinische Psychologie und Psychotherapie" beteiligt. Hier setzte sie vor allem ihre Forschungsarbeiten zur Psychologie des Asthma bronchiale fort, wobei sie u.a. den Zweitautor dieses Nachrufes zu seinen späteren Studien zum Einfluss von Emotionen auf das Asthma inspirierte. Überhaupt war mit diesem von ihr mitbegründeten Sonderforschungsbereich uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein phantastisches Feld zu hochinteressanter und engagierter Forschung und Publikation gegeben, dem nicht nur wir beide weitgehend unsere eigenen universitären Karrieren verdanken.

Ihr späteres wissenschaftliche Interesse konzentrierte sich zunehmend auf die psychoonkologische Forschung mit erheblichen Drittmittelgeldern der Deutschen Krebshilfe und des damaligen Bundesministerium für Forschung und Technologie mit explizit klinischen Fragestellungen, z. B. zur Gestaltung psychosozialer Hilfen für Krebskranke im stationären und ambulanten Bereich sowie zur Rolle der Familie in der Unterstützung der Krankheitsverarbeitung. Weitere Forschungsthemen waren für sie die Psychosomatik allergischer Krankheiten, die Rehabilitation von Infarkt- und Rheumakranken, Fragen zur Lebensqualität bei chronischen Erkrankungen und schon seit Beginn der sechziger Jahre die Psychopharmakologie. Ihr in ihren letzten Berufsjahren Interesse an der Psychoimmunologie leitete sich aus der psychopharmakologischen und allergologischen Forschung ab.

Margit von Kerekjarto gehörte zu den Gründungsmitgliedern des renommierten Collegium Internationale Neuropharmacologicum (GINP). Seit 1974 war sie interessiertes und engagiertes Mitglied des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM). Sie nahm durch ihre intensive Mitarbeit in der ständigen Konferenz der Hochschullehrer für Medizinischen Psychologie und Soziologie sowie Psychosomatik auf die Entwicklung der Medizinpsychologie großen Einfluss. Von 1981 bis 1985 war sie vier Jahre lang Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP). Weiterhin war es ihr besonderes Verdienst, dass die psychoonkologische Arbeitsgemeinschaft als Teil der Deutschen Krebsgesellschaft anerkannt wurde. Später gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der European Society of Psychosocial Oncology und der International Psychooncology Society (IPOS). In allen drei Vereinigungen übernahm sie jeweils mit großem Erfolg Vorstandsaufgaben. Sie war Präsidentin der IPOS und wurde 1991 mit dem Arthur M. Sutherland Award geehrt. Es war ihr besonderer persönlicher Erfolg, dass das Programm des Internationalen Krebskongresses im August 1990 in Hamburg in ungewöhnlich großem Umfang psychoonkologische Themen enthielt.

Frau von Kerekjarto erhielt im Verlaufe ihrer akademischen Karriere zahlreiche ehrenvolle Einladungen von anderen Universitäten, u.a. zu Gastvorträgen an der Harvard Medical School in Boston und der Medical School der Columbia University in New York. 1976 wurde sie von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften zu einem großen, öffentlichen Vortrag eingeladen, was sie mit besonderer Genugtuung erfüllte, musste sie doch seiner Zeit dieses von ihr sehr geliebte Land aus politischen Gründen verlassen.

1974 war Margit von Kerekjarto Mitbegründerin und –Herausgeberin der Zeitschrift "Medizinische Psychologie", ein erstes und programmatisches Sprachrohr dieser neuen Disziplin. Leider wurde die Zeitschrift 1982 aus finanziellen Gründen eingestellt. Deswegen wurde sie im gleichen Jahr Mitherausgeberin der Zeitschrift "PPmP", die damit zum neuen Organ der Medizinischen Psychologie wurde.

Seit ihrem 16. Lebensjahr war Margit von Kerekjarto als Folge einer Polioerkrankung auf einen Rollstuhl angewiesen. Dies hat sie in der Verfolgung ihrer beruflichen Pläne und Interessen nie ernsthaft behindern können. Auch in der täglichen Zusammenarbeit mit ihr spielte das keine Rolle. Wir, ihre Mitarbeiter beherrschten selbstverständlich die wenigen Handgriffe, um sie in und aus dem Rollstuhl zu bringen. Ihr intensives überregionales Engagement für die Medizinische Psychologie und was damit zusammenhing, mit zahlreichen Reisen ins In- und Ausland dokumentieren nachdrücklich, dass Mobilität und Flexibilität für sie wichtige Leitprinzipien waren. Auch mit ihrer Rolle als Frau im sehr männlich geprägten Wissenschaftsbetrieb hatte sie wenig Probleme, wobei ihr das Selbstverständnis, "angeboren gleichberechtigt" zu sein, sehr geholfen hat.

In vielfältiger Weise verschaffte Margit von Kerekjarto ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch ihr Verständnis der Medizinischen Psychologie und ihren klinischen Bezug in der Inneren Medizin und später auch der Chirurgie hervorragende Entwicklungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Dabei gewährte sie ihnen in ihrer Arbeit einen großen individuellen Freiraum mit der Erwartung, dass dieser auch eigenverantwortlich genutzt wurde.
Eine Pionierin der Medizinischen Psychologie ist von uns gegangen.

Uwe Koch-Gromus und Bernhard Dahme