Zum Gedenken


Sabine Grüsser-Sinopoli (1964 - 2008)

"Dieses Leben ist eine Schifffahrt, der Tod ist der Hafen." (Johann Gerhard, 1582 - 1637)

Für uns alle unfassbar ist in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 2008 Frau Prof. Dr. Sabine Miriam Grüsser-Sinopoli sehr überraschend verstorben.
"Ruhe ist der Tod für unruhige Geister" sagte Almut Adler einmal und dieser Spruch passt zum Leben von Sabine Grüsser, denn ein unruhiger Geist war sie ohne Zweifel. Ich lernte sie um die Jahrtausendwende während meiner Gastprofessur am Psychologischen Institut der Humboldt-Universität kennen; ihr Zimmer lag im selben Flur quer gegenüber von meinem. Die Klinische Psychologie war aus Platzgründen ausgelagert worden und bildete mit einer kleinen Abteilung am Hausvogteiplatz Mitten im Regierungsviertel eine kleine Vorhut des Hauptinstituts. Sabine war ein quirliger Mensch, freundlich, aufgeschlossen, redselig, kontaktbereit und voller Aktivitätsdrang. Sie wagte sich an Forschungsthemen, die für andere indiskutabel waren. Ihre damaligen Untersuchungen über Glücksspiel, Computersucht oder den weiblichen Orgasmus waren ungewöhnlich, zogen aber Heerscharen von psychologischen Diplomanden an, die mit ihren Stapeln an Fragebögen durch das Institut tingelten. Ihr Arbeitszimmer war stets dezent verqualmt und ihr Kaffee ungenießbar stark, allerdings musste ich ihn nicht allzu oft genießen, denn Sabine Grüsser war fast ständig unterwegs; fast immer wenn ich sie traf, kam sie gerade aus den USA oder war auf dem Weg dorthin.

Sabine Grüsser wurde als Tochter des berühmten Neurophysiologen Prof. Grüsser am 29.12.1964 in Berlin geboren. Nach Besuch der Mühlenau-Grundschule und der Dreilinden-Oberschule hat sie an der Freien Universität Berlin Ethnologie, Psychologie und Ur- und Frühgeschichte sowie mehrere Semester Humanmedizin studiert und 1993 mit dem Magister Artium abgeschlossen. Von 1993 bis 1994 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Institute for the Study of Drug Dependence" in London. 1994 wurde sie wissenschaftliche Angestellte am Lehrstuhl für Klinische Psychologie des Instituts für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort hat sie 1997 mit einer Arbeit zum Zusammenhang von perzeptuellen Phänomenen und kortikaler Reorganisation bei unilateraler Armamputation zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert. Von 1998-2001 machte sie eine verhaltenstherapeutische Ausbildung zum Suchttherapeuten. Ab 1998 war sie Hochschulassistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und der Forschungsgruppe "Verhaltensneurowissenschaft" dieses Instituts. 2000 gründete und leitete sie die Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe Berlin. 2003 wechselte sie dann als Hochschulassistentin zum Institut für Medizinische Psychologie. Das Habilitationsverfahren wurde 2006 über das Thema "Lerntheoretische Erklärungsansätze zur Entstehung und Aufrechterhaltung von abhängigem Verhalten" abgeschlossen. Geprägt wurde ihre wissenschaftliche Entwicklung insbesondere durch Herta Flor und Hans Peter Rosemeier. Nach dem Tod von Prof. Rosemeier hatte Sabine Grüsser bis 2007 die Stellvertretung des geschäftsführenden Institutsdirektors des Instituts für Medizinische Psychologie inne. Verheiratet war sie mit Giuseppe Antonio Sinopoli; das Paar hat ein Kind.

Die Forschungen Frau Dr. Grüsser-Sinopolis umfassten ein breites Spektrum. Ihre Schwerpunkte lagen in der interdisziplinären Suchtforschung (Alkohol- und Opiatabhängigkeit, pathologisches Glücksspiel), in psychophysiologischen Untersuchungen emotionaler Einflussfaktoren des Lernens und in Prozessen kortikale Plastizität. Unter anderem hatte sie ein Präventions- und Interventionskonzept zum pathologischen Glücksspiel entwickelt, das inzwischen in mehreren Bundesländern und in Österreich Eingang gefunden hat. Innovativ waren ihre Studien über Computersucht. 2007 erhielt sie den Ruf auf die Professur für Medizinische Psychologie in Mainz und trat Anfang Oktober 2007 mit Elan die Nachfolge von Prof. Gernot Huppmann an. Eine Tätigkeit, die sie mit Stolz und großem Engagement erfüllte. Sie entwickelte rasch eine Fülle von Forschungsprojekten und Fragestellungen für ihre neue Tätigkeit, die nun unbeantwortet bleiben werden müssen. Das letzte Mal getroffen habe ich Sabine Grüsser auf der DGMP-Tagung im September 2007 in Hamburg und ich werde sie so in Erinnerung behalten wie sie da war: voller übersprühender Lebendigkeit.

"Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit" soll Robespierre (1758 - 1794) gesagt haben. Ein persönliches Denkmal, das weit über ihren Tod hinaus Bestand haben wird, hat Sabine Grüsser-Sinopoli sich sicherlich mit ihren Arbeiten über Suchtverhalten gesetzt. Ihr Engagement ging dabei weit über das Wissenschaftliche hinaus. Durch ihre Ausbildung als verhaltenstherapeutische Suchttherapeutin suchte sie selbst den Kontakt zu Betroffenen und konnte vielen helfen. Ihr Tod, im Zenit ihrer Karriere, wenige Tage nach ihrem 43. Geburtstag, traf alle unerwartet und setzte dem ein viel zu frühes Ende.

Sabine Grüsser ist verstorben, aber wir werden die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen am Leben erhalten.

Erich Kasten