Zum Gedenken


Susanne Davies-Osterkamp (1943-1995)

Susanne Davies-Osterkamp ist tot.

Diese Nachricht, nach wenigen Monaten schwerer Krankheit nun zur unbarmherzigen Gewißheit geworden, traf und trifft uns noch immer wie ein Schock. Susanne Davies-Osterkamp starb am 25. Juli 1995, 52 Jahre alt.

In Königsberg geboren, in Hamburg aufgewachsen, studierte sie, wie viele spätere Fachvertreter der Medizinischen Psychologie, am Hamburger Psychologischen Institut der 60er Jahre. Nach dem Diplom 1967 ging sie an das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und nach der Promotion 1970 an die Universität Konstanz und zur Forschungsgruppe im Psychiatrischen Krankenhaus Reichenau. 1975 folgte sie dem Ruf auf eine Professur für Medizinische Psychologie an der Universität Gießen, die sie aus persönlichen Gründen 1981 aufgab, um fortan als Leitende Psychologin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Düsseldorf zu arbeiten. In allerjüngster Zeit zeichnete sich eine Rückkehr in den engeren Kreis der Hochschullehrer für Medizinische Psychologie ab - daß es dazu jetzt nicht mehr kommt, gehört zu den Härten des Schicksals, die nicht nur die langjährigen Weggefährten beklagen.

Susanne Davies-Osterkamp begann als Experimentalpsychologin, und ihre Dissertation zur Größenkonstanz bei Schizophrenen war ganz diesem Paradigma verpflichtet. Folgerichtig war sie an der damals beginnenden Etablierung der Verhaltenstherapie beteiligt. Der Aufbau verhaltenstherapeutischer Behandlungsprogramme für chronisch kranke Schizophrene und alkoholkranke Frauen in Konstanz war wesentlich ihr zu verdanken. In Gießen und mehr noch in Düsseldorf galt ihr Interesse dann zunehmend dem psychoanalytischen Zugang, insbesondere in der Gruppentherapie, und sie ließ sich in analytischer Psychotherapie weiterbilden. Sie hat jedoch in der Forschung stets einen empirisch-psychologischen Ansatz vertreten, wovon die von ihr mitherausgegebenen Bände "Emotionsforschung in der Medizinischen Psychologie" und "Medizinische Psychologie - Forschung für Klinik und Praxis" Zeugnis ablegen. Bekannt wurde sie der Fachwelt nicht zuletzt durch das umfassende Gießener Forschungsprojekt zur Psychosomatik von Operationen in der Herzchirurgie. In den letzten Jahren interessierte sie sich verstärkt - in der ihr eigenen gelassenen Art - für die Situation von Frauen. Nach dem Buch "Psychologie in der Gynäkologie" plante sie einen Band zu "Geschlechterdifferenz und Gesundheit", in dem metaanalytisch der Blick auf die Rolle des Kleinen Unterschieds in der wissenschaftlich-psychologischen Empirie gerichtet wurde - auch dies ein Vorhaben, das nun, wie viele andere, unvollendet bleiben muß.

In der akademisch jungen Disziplin der Medizinischen Psychologie hat Susanne Davies-Osterkamp in einer prägsamen Phase eine wichtige Rolle gespielt. Sie leitete in den 70er Jahren die Forschungskommission der Gesellschaft für Medizinische Psychologie, gehörte bis in die jüngste Zeit dem engeren Herausgebergremium des Jahrbuchs der Medizinischen Psychologie an und war viele Jahre lang als Gutachterin in der Forschungsförderung in der Medizinischen Psychologie und Psychosomatik tätig.

Es ist nicht schwierig, die Stationen eines wissenschaftlichen Werdeganges nachzuzeichnen. Doch dessen bloße Darstellung würde bei einem Menschen wie Susanne Davies-Osterkamp Wesentliches verfehlen. Sie hat mehrfach im Laufe ihres Lebens der akademischen Karriere im landläufigen Sinn nicht die höchste Priorität eingeräumt. Gleichwohl - oder vielleicht auch deshalb - hat sie bei vielen ihrer Fachkollegen in höchstem Ansehen gestanden. Wenn sich in ihr intellektuelle Souveränität mit warmherziger Menschlichkeit verband, so hat dies nicht zuletzt vielen jüngeren Frauen in der Profession Mut gemacht und die Zuversicht gegeben, daß "man" sich nicht notwendigerweise charakterlich verbiegen muß, um in Wissenschaft und akademischer Welt zu bestehen - oder auch, daß es noch Anderes gibt als dieses. Das ist vielleicht das Wichtigste, was Susanne Davies-Osterkamp uns hinterläßt - und nicht nur den Frauen.

Dies mag uns Überlebende trösten. Doch man muß nicht, wie ich, über dreißig Jahre lang immer wieder ein Stück Weges mit Susanne Davies-Osterkamp gemeinsam gegangen sein, um letztlich doch fassungslos angesichts eines Geschehens zu stehen, für das es keine Erklärung gibt.

Jörn Scheer

Mitteilungen der DGMP 57, Oktober 1995.