Zum Gedenken


Dieter Beckmann (1937-2012)

Mit Dieter Beckmann verliert unsere Fachgesellschaft einen der Pioniere der Medizinischen Psychologie, den ersten Lehrstuhlinhaber unseres Faches und maßgeblich Beteiligten bei der Institutionalisierung unseres Faches in der ärztlichen Approbationsordnung.

Er studierte in Freiburg und Hamburg Psychologie und war insbesondere durch seinen Lehrer Gustav Lienert im Sinne einer empirisch-experimentellen Psychologie geprägt.
Nach seinem Diplom 1964 arbeitete er in Gießen an der Klinik für Psychosomatische Medizin mit Horst-Eberhard Richter zusammen.
Bereits 1967 erschien seine erste Zeitschriftenveröffentlichung in den "Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin" zu dem Thema "Zur Psychologie und Therapie der Herzneurose".
1968 promovierte er zum Dr. phil. mit dem Hauptfach Psychologie und den Nebenfächern Psychosomatik und Philosophie. Sein Thema damals waren die "Untersuchungen zur klinischen Urteilsbildung bei psychoanalytischen Interviews".
1970 habilitierte er sich für das ärztliche Fach "Klinische Psychologie" mit der Arbeit "Das Gießener Persönlichkeitsinventar (GPI)", aus welchem dann der Gießen-Test hervorging.
Seine Antrittsvorlesung zum Thema "Psychologische Determinanten in der Arzt- Patient-Beziehung" (veröffentlicht in der Münchener medizinische Wochenschrift 1972, 114:133-9) stellte einen wichtigen Meilenstein für die Identität des Faches Medizinische Psychologie dar.
Bereits vor seiner Habilitation leitete er seit 1967 die Abteilung für Medizinische Statistik und Dokumentation in Gießen und vertrat ab 1969 auch den entsprechenden Lehrstuhl.
1973 nahm er in Gießen den Ruf auf die erste H4-Professur für Medizinische Psychologie in der Bundesrepublik an, den er bis zu seiner Emeritierung im März 2006 innehatte. Während dieser Zeit leitete er auch jahrelang das Fach Medizinische Soziologie kommissarisch.

Betrachtet man die Anfänge des Faches Medizinische Psychologie, so wird auch auf der Homepage der DGMP das Jahr 1970 als wichtiger Meilenstein bezeichnet. In diesem Jahr fand in Gießen auf Einladung Richters die erste Sitzung der "Ständigen Konferenz der Hochschullehrer für Psychosomatik- Psychotherapie und Medizinische Psychologie" statt. Im gleichen Jahr wurde die neue Approbationsordnung verabschiedet, in der die Medizinische Psychologie, die Medizinische Soziologie und Psychosomatik/Psychotherapie in den Kanon der Pflichtfächer aufgenommen wurde. Sie trat 1972 in Kraft. In den Jahren davor war Dieter Beckmann bereits als Mitglied der Fachvertreterkonferenz des Medizinischen Fakultätentages für die Medizinische Psychologie aktiv, um die neue Approbationsordnung vorzubereiten und das Fach als eigenständige Lehr- und Forschungseinheit innerhalb der Medizin zu etablieren.
Seit 1973 war er Sachverständiger im neugegründeten IMPP für die Medizinische Psychologie, in den letzten Jahren bis zu seiner Emeritierung als Mitglied der Überprüfungskommission.
1974 gründete er zusammen mit Helmut Enke, Jochen Fahrenberg, Margit von Kerekjarto, Lothar Schmidt und Heinrich Völkel die "Zeitschrift für Medizinische Psychologie".
1979 wurde dann die Gesellschaft für Medizinische Psychologie gegründet, die er ab 1980 in der "Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)" vertrat.
Von 1980-1984 war er schließlich Mitherausgeber und von 1985-1997 im Beirat der Zeitschrift "Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie".

Aus einer persönlichen Rückschau auf 30 Jahre Medizinische Psychologie sollen hier noch zwei Punkte angesprochen werden, von denen der erste heute immer noch aktuell ist und der zweite sich auf seinen Ausstieg aus der Fachpolitik bezieht:
Er bemängelte damals, sicher auch aus der Sicht des IMPP-Sachverständigen, dass es kein gutes Lehrbuch in der Medizinischen Psychologie gibt, das den Vergleich mit unseren Nachbarfächern standhält. Die Ursache dafür sah er in zu vielen Eigenwilligkeiten allzu vieler Autoren; sein Lösungsvorschlag war die Bildung einer Lehrbuchkommission der Fachgesellschaft.
Seinen Rückzug aus dem fachpolitischen Wirken Ende der 80er Jahre begründete er damit, dass nach 10 Jahren intensivster Fachpolitik andere universitäre und außeruniversitäre Themen für ihn wichtiger wurden.

An seiner Hochschule in Gießen war er allerdings weiterhin hochschulpolitisch tätig. Als Hochschullehrer hat er sich mit großem Engagement an der Lehre beteiligt und sich stets für die Verbesserung des Unterrichts in seinem Fach eingesetzt. Weiterhin war er für viele Jahre als Studienberater für das Fach Medizin in Gießen zuständig.
Außerdem war er viele Jahre Mitglied im Konvent der Universität und im Fachbereichsrat und in Ausschüssen des Fachbereichs Medizin.

Im Folgenden soll noch ein Blick auf sein wissenschaftliches Wirken gerichtet werden.
Die Anfänge zu den Themen "Herzneurose", "Arzt-Patient Beziehung", "klinische Urteilsbildung" wurden bereits oben berichtet. 1972 erschien (zusammen mit Horst-Eberhard Richter) in erster Auflage der Gießen-Test, der in den folgenden Jahren zu einem der meistverbreiteten Persönlichkeitsinventaren wurde. 1968 wurde der Gießener Sonderforschungsbereich zu dem Thema "Vergleichende Forschung in der Nervenheilkunde" gegründet, dessen Schriftführer (1970-1974) und Sprecher (1976-1980) Dieter Beckmann war. In dieser Zeit und danach war er DFG-Gutachter auch für mehrere Sonderforschungsbereiche.
Nach dieser Zeit widmete er sich der Säuglingsforschung. Zunächst galt sein Interesse der kognitiven, motorischen und psychosozialen Entwicklung von frühgeborenen Kindern, später verschiedensten Aspekten der frühkindlichen Entwicklungspsychopathologie. Dies wird auch durch seinen letzten Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2007 (zusammen mit Ursula Pauli-Pott) bestätigt, der folgendes Thema hatte: "On the association of interparental conflict with developing behavioral inhibition and behavior problems in early childhood." (Journal of Family Psychology 2007, 21:529-32).

In den letzten Arbeits- und Lebensjahren hat er sich zunehmend auch wissenschaftlich seinen Hobbys gewidmet, der Botanik und den Geschichtswissenschaften.
Während über 40 Jahren wissenschaftlicher und fachpolitischer Arbeit betreute er zahlreiche Doktoranden und Habilitanden. Er hat seine Mitarbeiter nachhaltig in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung mit großem persönlichem Einsatz gefördert.

Wir trauern um einen Pionier der Medizinischen Psychologie, der unserem Fach eine entscheidende inhaltliche Orientierung gegeben hat.

Jörg Kupfer, Elmar Brähler